Buchvorstellung - Suleika öffnet die Augen

#140 Rezension

 

Suleika öffnet die Augen

Grusel Jachina

Gelesen von: Frank Arnold
Hörbuch-Download
Spieldauer: 17 Stunden 49 Minuten
Version: Ungekürzte Ausgabe 
Verlag: Audible GmbH
Erscheinungsdatum: 17. Februar 2017
Sprache: Deutsch

5 von 5 Sternen 
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Beschreibung:

Suleika ist eine tatarische Bäuerin. Eingeschüchtert und rechtlos lebt die Mutter von vier im Säuglingsalter gestorbenen Kindern auf dem Hof ihres viel älteren Mannes. Ihr Weg zu sich selbst führt durch die Hölle, das Sibirien der von Stalin Ausgesiedelten. Ein anrührendes und meisterhaftes Debüt, das in 21 Sprachen übersetzt ist.

„Dieser Roman trifft mitten ins Herz.“ Ljudmila Ulitzkaja.

„Für mich bleibt es ein Rätsel, wie es einer so jungen Autorin gelungen ist, ein so eindringliches Werk zu schaffen.“ Ljudmila Ulitzkaja.
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Suleika öffnete im Laufe der Geschichte ihre Augen aber auch mir hat die Autorin den Zugang und die Augen für eine historische Epoche geöffnet, von der ich bisher nur am Rande etwas wußte. Ich lernte was Kulaken sind, wie die Entkulakisierung stattgefunden hat, was Gulag-Systeme sind und wie die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft in Russland umgesetzt wurde. 

Wir befinden uns in Russland von 1930 während der Diktatur Stalins. Suleika, ihr Mann und ihre Schwiegermutter leben als freie und unabhängige Bauern und sind als Tataren einer ethnischen Minderheit zugehörig. Die Rote Armee zerstört im Zuge der Zwangskollektivierung der Landwirtschaft Suleikas bisheriges Leben und siedelt sie gemäß der Entkulakisierung in Sibirien im Gebiet der Taiga an, das sich durch lange und schneereiche Winter und einem kurzen Sommer auszeichnet. 

Der Leser beschreitet mit Suleika diesen ganzen schrecklichen Weg in die Ungewissheit. Es gibt keine Beschönigungen! Gusel Jachina lässt diese furchtbare und unmenschliche Zeit bildgewaltig vor dem inneren Auge des Lesers entstehen. Auf dem Programm stehen Enteignungen, Exekutionen, Massendeportation in Zügen zu Gefängnissen und Gefangenenlagern, wo viele, die es geschafft haben lebendig dort anzukommen dann schlussendlich zusammengefercht, durch Krankheiten wie Typhus, ihr Leben lassen müssen. Endlich im Nirgendwo angekommen, muss sie feststellen, dass sie zu den ersten Umsiedlern gehört, die dort eine neue Siedlung erst aufbauen müssen, aus dem Nichts und mit nichts und der erste Schnee fällt bereits vom Himmel.

Ich konnte nicht aufhören der Geschichte zu lauschen und Suleikas Weg zu folgen! Eine schwere Zeit, keine Menschlichkeit, eine karge und grausame Natur und mittendrin Suleika, die plötzlich nicht nur für sich Verantwortung übernehmen muss. Mehr als einmal muss sie das Leben und ihre gewohnten Prinzipien überdenken und neu zusammenwürfeln, sich den Geistern ihrer Vergangenheit und Erziehung stellen und gegen sie ankämpfen. Sie macht einen Schritt nach dem anderen und erfindet sich, den Umständen entsprechend, neu. Suleika, eine naive junge Frau, für die ich ganz viel Bewunderung übrig habe und die sich langsam aber sicher in mein Leserherz geschlichen hat

Der Autorin ist ein Meisterwerk gelungen!  Echt und unverblühmt bringt Gusel Jachina einen schlimmen Teil der russischen Geschichte an den Leser und kann damit auch noch unterhalten. Nein, dies ist kein leichter Roman, es ist eine bewegende Geschichte aus vielen, der in ihr spielenden Figuren mit historischem Hintergrund. Es ist auch eine Liebesgeschichte, aber eine der ganz anderen und sehr kargen Art. Keinesfalls kitschig, denn der männliche Protagonist, Kommandant Ignatov, lässt dies zu keiner Zeit zu. Auch er öffnet die Augen, durchläuft einen schmerzhaften Prozess, bis hin zur Erkenntnis, dass man nicht jeden Kampf gewinnen kann! Und doch kann er ganz zum Schluss noch einen kleinen, heimlichen Sieg davontragen.

Der Hörbuchsprecher Frank Arnold ist wirklich die Bestbesetzung für dieses grandiose Buch. Seine Stimme wird der Härte, Entbehrung und Unliebsamkeit der Geschichte gerecht. Es war ein Genuß ihm zuzuhören und sich von ihm nach Russland und in die sibirische Kälte und Weite tragen zu lassen!

Fazit:
Eine unschnörkelilge Geschichte über das Leben einer fremdbestimmten Frau, die zeit ihres Lebens dieses wird nicht ganz in ihre Hände übernehmen können. Dafür sorgte Stalin und der Kommunismus. Aber es ist auch ebenso eine Geschichte eines Kommunisten, der zwischen die Räder des Systems gerät und seine Autonomie verliert und nur noch im Rahmen seiner Funktion als Kommandant einer "Siedlung am Ende der Welt" eine begrenzte Freiheit ausleben kann.





copyright monerlS




Kommentare

  1. Liebes Monerl, eigentlich mache ic um geschichtliche Themen gerne einen Bogen, aber was du schreibst, klingt nach einem lesens-, bzw. hörenswerten Buch :-)
    Liebe Grüße, Heike

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    1. Liebe Heike,
      dieses Buch kann nicht als historisch im engeren Sinne betrachtet werden, deshalb denke ich, es könnte dir auch gefallen. Es ist sprachlich sehr interessant und die Figuren bewegen einen persönlich. Bin gespannt, ob du es mit dem Buch mal versuchen wirst.
      GlG, monerl

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