Buchvorstellung - Tochter des Glücks

#95 Rezension


Tochter des Glücks

Lisa See
C. Bertelsmann Verlag
Fester Einband
ISBN: 9783570100301

5 von 5 Sternen 



Buchinformation:
"Faszinierendes Epos über Familiendramen und Chinas Historie."
Meins

Die ergreifende Geschichte einer ungewöhnlichen Mutter-Tochter-Beziehung
Joy ist in L.A. groß geworden und hat es sich in den Kopf gesetzt, in Shanghai nach ihrem leiblichen Vater zu suchen. Dort erlebt sie die Umbrüche der Kulturrevolution, erkennt aber nicht, wie gefährdet ihr Vater ist. Ein Ausweg für ihn, den Kunstmaler, ist es, der Landbevölkerung Malunterricht zu geben. Joy begleitet ihn begeistert und verliebt sich in einen Bauernsohn. Ihrer Mutter ist bewusst, wie schwierig die Situation geworden ist, sie setzt deshalb alles daran, Joy wieder nach Amerika zu bringen, obwohl Mao Chinas Grenzen geschlossen hat.

Lisa See erzählt wieder eine ergreifende Frauengeschichte, ohne sentimental zu werden. Sie beschreibt den großen Umbruch in China mit den Augen der unwissenden Joy und bringt uns so eines der dramatischsten Kapitel der chinesischen Geschichte nahe.
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Meine Meinung:

Das ist ein Buch, das einem die chinesische Geschichte etwas näher bringen wird. Ich wusste nichts vom "Großen Sprung nach vorne" und welche Auswirkungen dieser auf die chinesische Bevölkerung hatte.

Dazu musste ich erst einmal zu Wikipedia wechseln und dort nachlesen, wie der "Große Sprung nach vorne" definiert wird:
"Großer Sprung nach vorn (chinesisch 大躍進 / 大跃进, Pinyin dà yuè jìn) war der Name für eine von Mao Zedong initiierte, von 1958 bis 1961 laufende Kampagne, bestehend aus mehreren einzelnen Initiativen, die den zweiten Fünfjahresplan (1958–1962) der Volksrepublik China ablösen und übertreffen sollte. Mit Hilfe dieser Kampagne sollten die drei großen Unterschiede Land und Stadt, Kopf und Hand sowie Industrie und Landwirtschaft eingeebnet, der Rückstand zu den westlichen Industrieländern aufgeholt und die Übergangsperiode zum Kommunismus deutlich verkürzt werden. Die Kampagne des Großen Sprungs begann nach dem ersten Fünfjahresplan von 1953 bis 1957, sie sollte von 1958 bis 1963 laufen. 1961 wurde die Kampagne nach ihrem offensichtlichen Scheitern abgebrochen.[1][2]"
         Quelle: Wikipedia

Danach konnte ich der Geschichte richtig gut folgen und war ehrlich entsetzt, wie schlimm die Lebensumstände zu dieser Zeit in der VR China waren. Es war ein Gefängnis im Gefängnis!
Im Vorwort schreibt die Autorin, dass von 1959 - 1961 schätzungsweise ca. 45 Millionen Menschen, wegen der Hungersnot, dem "Großen Sprung nach vorne" geschuldet, gestorben sind! Diese Zahl ist so immens groß, dass mir bei der Vorstellung richtiggehend schlecht geworden ist! Das ist nämlich ungefähr die Hälfte der Bevölkerung der BRD. Unvorstellbar, oder?!

Und in diese Rahmenhandlung, Ende 50iger / Anfang 60iger Jahre, begleiten wir Joy, Pearl und May von Amerika nach China und zurück nach Amerika.

Joy, eine junge Amerikanerin, aufgewachsen in Chinatown, flieht vor den familiären Problemen, für die sie sich schuldig fühlt, in die Heimat ihrer Ahnen, um dort am Aufbau des neuen Chinas mitzuwirken und dem Ruf Mao Zedongs, alle Überseechinesen sollen zurückkommen, zu folgen. Sie wirft damit alle Vorteile als Amerikanerin, den Luxus und die Leichtigkeit des Lebens über Bord und stellt sich den sehr strengen Anforderungen und den Regeln, die zu dieser Zeit in China herrschten.

Gleichzeitig ist sie auf der Suche nach ihrem leiblichen Vater, von dem sie erst vor Kurzem erfahren hat. Er ist ein berühmter Maler in Shanghai. Das macht Joys Suche nach ihm sehr leicht. Joys Vater, Z.G. genannt, muss just zu dem Zeitpunkt, als Joy an seiner Tür erscheint, aufs Land in ein Dorf fahren, um die Landbevölkerung für einige Zeit das Malen zu lehren. So kommt Joy ganz in den Genuss das neue China am eigenen Leib zu erfahren, ohne fließend Wasser, Strom, Kühlschränke und die komfortable Toilette.

Als sie sich im Gründrachendorf in Tao verliebt, nimmt das Schicksal seinen Lauf..

Dieser Roman bringt dem Leser nicht nur geschichtlichen Hintergrund nahe, er zeigt vor allem auch die tiefe Liebe einer Mutter zu ihrer Tochter und was sie bereit ist, für diese zu opfern.

In wechselnden Kapiteln, mal aus der Sicht von Joy und dann von Pearl, erfährt der Leser wie es Joy ergeht, welch schmerzliche Erfahrungen sie machen muss und wie sie den Schleier über ihren Augen verliert und sie den Kommunismus, die Kollektive und die Führung Maos endlich aus dem richtigen Blickwinkel betrachtet. In Pearls Kapiteln fühlt man mit einer Mutter mit, dessen Kind flügge wird, die Fehler des Kindes sieht, nicht verhindern kann und trotzdem alles gibt, um das eigene Kind und dessen Leben zu retten, auch wenn das eigene dadurch zu zerbrechen droht.

Ich habe die Augen gerollt und mich immer wieder gefragt, ob es wirklich junge Menschen wie Joy gibt, die offen Auges ins Unglück rennen und vor Naivität kaum lebensfähig sind. Es war schmerzhaft zu verfolgen, wie sie am eigenen Leib erfahren musste, dass sie viele falsche Entscheidungen getroffen hatte.
Es war sehr schön zu erfahren wie Joy mit den Jahren reifte und wie Pearls den Kampf um ihre Tochter nicht aufgeben wollte.

Dies war für mich ein etwas anderes Buch, sehr lehr- und aufschlussreich und ein Pageturner, obwohl kein Thriller. Ein Buch, das unbedingt gelesen werden muss, wenn man sich für fremde Kulturen und ausländische Geschichte interessiert.

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Vielen Dank an die Leser, die für dieses Buch abgestimmt hatten. Ohne diese Abstimmung hätte ich dieses Buch wahrscheinlich erst viel, viel später gelesen.

Ein besonderes Buch zum TAG DES GLÜCKS!
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EDIT:
Wie ich soeben entdeckt habe, ist "Tochter des Glücks" der zweite Band einer Reihe. Ich habe noch nicht herausgefunden, ob es eine Trilogie wird oder eine Reihe mit noch mehr Bänden. Der erste Teil ist "Töchter aus Shanghai", in denen es um Pearl und May - Mutter und Tante von Joy - geht und wie sie damals nach Amerika kamen.

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