Buchvorstellung - Der Garten der verlorenen Seelen

 #80 Rezension



Der Garten der verlorenen Seelen

Nadifa Mohamed
C.H. Beck Verlag
Gebundene Ausgabe
ISBN: 9783406663130

4 von 5 Sternen
copyright C.H.Beck Verlag


Klappentext:
Drei Frauen, deren Schicksal unwiderruflich miteinander verknüpft ist, die Feindinnen werden könnten und am Ende ein prekäres Bündnis des Überlebens schließen -die neun Jahre alte Deqo, die aus dem Flüchtlingslager, in dem sie geboren ist, in die Stadt flieht; Kawsar, eine einsame Witwe, die um ihre Tochter trauert und an ihr Bett gefesselt ist, und Filsan, eine junge Soldatin, die mithelfen soll, den Aufstand zu unterdrücken. In ihrem Roman "Der Garten der verlorenen Seelen" erzählt die britische Autorin Nadifa Mohamed eine Geschichte aus Somalia, einem Land kurz vor dem Bürgerkrieg. Innig, offen, voll Schönheit und gelegentlich wilder Liebe erzählt sie von gewöhnlichen Leben in außergewöhnlichen Zeiten. Wir sehen und hören, riechen und fühlen das Land, eine fremde Welt, und fühlen uns doch erinnert an die Geschichte anderer zerfallener, zerstörter Staaten, an den Libanon, Jugoslawien, Syrien. Und wie überall sind es die Netzwerke der Frauen, die ein Weiterleben ermöglichen.
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Meine Meinung:
Dies war mein erstes Buch, das ich über Somalia gelesen habe und es rückte mir die Nachrichten der letzen Jahre aus Zeitung und Fernsehen direkt vors Auge. All die Fetzen, die ich so über die Zeit aufgeschnappt hatte, gab das Buch sehr schön wieder.

Somalia, ein Land, das von einer britischen-italienischen zur internen Besatzung (Diktatur) wechselte, gebeutelt von Armut, Hunger, Terror und Perspektivlosigkeit.
Die Autorin verwebt in ihrer Geschichte das alles und veranschaulicht es schön anhand von zwei Frauen, der Wittwe Kawsar und der Soldatin Filsan sowie des Flüchtlingsmädchens Deqo; die drei Hauptfiguren des Romans.

Im ersten Teil des Buches werden alle drei Figuren in wechselnden Abschnitten eingeführt. Dabei kam für mich vereinzelt ein Gefühl der Langatmigket auf. Da dies ein politischer Roman ist, sollte man sich als Leser nicht wundern, wenn dieser Aspekt einen großen Teil des Inhalts beansprucht. Deshlab empfand ich die eine oder andere Passage als ziemlich zäh.

Nichtsdestotrotz gelingt es Nadifa Mohamed den Frauen eine Tiefe zu geben, die sie plastisch wirken ließ. Ich konnte die Beweggründe jeder Protagonistin nachvollziehen. Sie sind Gefangene ihrer Vergangenheit und der Geschehnisse im Land. Es ist sehr schwer aus seiner Haut zu gehen, wenn das ganze Umfeld einen stetig überwacht. Diese Herausarbeitung der Charaktere ist der Autorin außerordentlich gut gelungen.

Der zweite Teil gibt jeder Figur ein eigenes Kapitel, in dem der Leser den Fortlauf des jeweiligen Schicksals erfährt.
Kawsar, als Gefangene ihres Heims, rekapituliert ihr Leben. Die "Geister" ihres Mannes und all ihrer toten / totgeborenen Kinder, die im Garten begraben sind, leben wieder auf und leisten ihr  in der häuslichen Einsamkeit Gesellschaft. Die Anwesenheit ihrer "Pflegerin" Nurto kann dieses Gefühl nicht vertreiben.
Filsan, die versucht stark zu sein und als Frau ihren Platz im Militär sucht. Die nach Anerkennung als weiblicher Soldat giert und doch eigentlich den urweiblichen Wunsch nach einer eigenen Familie hegt.
Deqo, das 10jährige Flüchtlingsmädchen ohne Mutter oder Vater, das ums Überleben kämpft, sich verlassen fühlt und sich nichts mehr wünscht als Liebe und geliebt zu werden.

Drei Frauen, drei Schicksale, die sich im letzten Teil überschneiden und zu einem erstaunlichen, fast unglaublichen gemeinsamen Weg führen. Am Ende wird deutlich, dass je schrecklicher das Geschehen ist desto ungewöhnlichere Lösungen zum Frieden führen können. Persönliche Grenzen werden überschritten und so ist es wohl im Überlebenskampf leichter eigenen "Feinden" zu verzeihen.

Dies ist ein ungewöhnlicher Roman, mit ungewöhnlichen Charakteren, schöner Sprache und einer gefühlten Traurigkeit und Liebe für das gebeutelte Land im Herzen der Autorin.

Einen Stern habe ich für die Langatmigkeit an manchen Stellen und für das zu schnelle Ende im dritten Teil, abgezogen. Ich hätte mir den Schluss etwas ruhiger gewünscht. Aber womöglich wollte die Autorin damit zeigen, wie schnell sich die Ereignisse überschlagen haben, sodass die Bevölkerung keine Ruhe hatte und nicht einmal ein kleines Bisschen aufatmen konnte. Das ist meine Interpretation. Falls sie zutrifft, ist ihr das dann hervorragend gelungen.

Ob 4 oder 5 Sterne ist aber nicht ausschlaggebend für die Qualität des Romans. Wer auch mal etwas abseits vom Mainstream lesen möchte, sich zudem auch für das nicht europäische Ausland interessiert, hat mit diesem Buch eine sehr gute Wahl getroffen!
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Dieses Buch widme ich nachträglich dem Internationalen Tag der Frau!
Afrika (vor allem der südliche Teil), ein Kontinent, der auf den Schultern seiner Frauen getragen wird. Sie sind seine Mütter, die ihn nähren und päppeln.

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