Buchvorstellung - Die Leute, die sie vorübergehen sahen

#22 Rezension

Die Leute, die sie vorübergehen sahen

Scott Bradfield
Residenz Verlag
Fester Einband
ISBN: 9783701716036

3 von 5 Sternen
copyright Residenz Verlag


Das kleine 3-jährige Mädchen Sal wird von einem Mann, der den Boiler repariert, entführt. Ab jetzt ist er ihr neuer Daddy. Da Sal nun weiß, wie schnell man etwas, das man liebt, verlieren kann, ist sie zu ihrem neuen Daddy ein gutes und braves Kind. Ihr Leben ist sehr einfach in dem Bungalow, ihre Spielsachen spärlich, ihre sozialen Kontakte existieren nur noch mit der Vermieterin des Bungalows, also alles in allem, führt sie ein abgeschiedenes und geistig verwahrlostes Leben. Durch Zufall kommt eines Tages nach einem Sturm ihr neuer Daddy nicht mehr zurück. So führt Sals' Weg nun weiter zu der Vermieterin, die sich ihrer annimmt, und damit den Verlust ihrer beider Kinder, damals vom Jugendamt mitgenommen, kompensiert. Diese Station ist nicht die letzte in Sals' Leben. Auf ihrer Reise begegnet sie einem Waschsalon-Besitzer, einem Pädophilen, einer irren alten Frau, Beamten der Fürsorge, die sie als eine Art „Messias“ betrachten unvm.

Der Autor zeichnet eine ziemlich abstruse, eigenverliebte und ich-bezogene Gesellschaft, die nur oberflächlich Interesse an ihrem Umfeld zeigt, und auch nur dann, wenn dieses beiläufig Wahrgenommene, in irgendeinem Bezug zu ihr selbst steht. Als Beispiel sei hier eine Familie genannt, die sich Sal ihrer annimmt, sie jedoch wie ein streunendes Tier behandelt, also füttert und streichelt und sie dann weiter ziehen lässt, ohne Gedanken daran zu verschwenden, dass es sehr unnatürlich ist, dass ein 3 bis 6-jähriges Mädchen ganz alleine durch die Weltgeschichte irrt.
Leider erfährt man nicht, wie lange Sals Reise dauert. Meiner Einschätzung nach, ist sie zum Ende des Buches, ungefähr 8 oder 9 Jahre alt.

Überzogen (?) und satirisch werden Abbilder von Menschengruppen erwähnt, die in voller Summe, Sal auf ihrer Reise begegnen.

Das Fazit dieses Buches ist wohl folgend zu verstehen:
Die Gesellschaft ist narzisstischer denn je. Erwachsene sind selbstverliebt, Kinder sind Nebensache, Missstände werden nicht mehr wahrgenommen, und wenn doch, will sich keiner damit befassen oder sie werden schöngeredet.
Dass die Gesellschaft ich-bezogener und der Einzelne in ihr egoistischer (in unserer westlichen Welt) ist denn je, ist für mich nichts Neues. Verfolgt man nur ein wenig die Nachrichten, kann man feststellen, dass der (materielle) Luxus der Oberschicht vorbehalten ist und die Armen noch ärmer werden und von den Reichen nicht beachtet / wahrgenommen werden.

 Wer einen gesellschaftskritischen Roman lesen möchte, ist mit diesem Buch wahrscheinlich gut bedient. Für Leser, die richtig unterhalten werden möchten, rate ich davon ab.


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